Stadtführung durch Cham mit Schwerpunkt auf Marschall Luckner durch Stadtarchivar von Cham Hr. Timo Bullemer
Familienforscher erkunden die Spuren Nikolaus Luckners bei einer speziellen Stadtführung
Die Mitglieder der „Gesellschaft für Familienforschung in der Oberpfalz e.V.“ (GFO) im Landkreis Cham und weitere interessierte Teilnehmer machten beim turnusmäßigen August-Treffen eine spezielle Stadtführung durch Cham. Dabei wandelten sie unter der Führung von Diplom-Archivar, Stadtarchivar von Cham und engagiertem Forscher zur Stadtgeschichte Cham, Timo Bullemer, auf den Spuren von Marschall Nikolaus Luckner.
Trotz des regnerischen Wetters fand sich beim Startpunkt der Führung am Marktplatz-Brunnen eine umfangreiche Teilnehmerzahl ein. Timo Bullemer begann mit der kunstvollen, wasserspeienden Brunnenfigur des Marschalls Nikolaus Luckner auf dem Marktplatz-Brunnen. Diese wurde geschaffen vom Künstler Joseph Michael Neustifter und 1995 eingeweiht. In nichtmilitärischer Haltung hält dort Marschall Luckner in einer Hand ein Notenblatt mit der Marseillaise (= die französische Nationalhymne wurde ihm gewidmet) und in der anderen Hand den Marschallstab.
Diese Marseillaise wird täglich um 12.05 Uhr vom Glockenturm auf dem Rathausfirst gespielt zu Ehren des berühmtesten Sohnes Chams. Dieses Lied, das ursprünglich „Kriegslied für die Rheinarmee“ hieß, wurde 1792 geschrieben und Nikolaus Luckner gewidmet. Das Glockenspiel auf dem Rathaus ist der einzige Ort in Deutschland, an dem die Marseillaise an einem öffentlichen Gebäude gespielt wird – seit 1994, dem 200. Todestag Luckners. Ein Glockentürmchen am Rathaus gab es schon immer. Dessen Glocke läutete früher, wenn etwas Wichtiges verkündet wurde, wenn jemand an den Pranger gestellt wurde, wenn Gerichtsurteile oder auch Todesurteile verkündet wurden.
Der nächste Stopp der Führung war die Tourist-Info der Stadt Cham. In ihr ist Luckner nicht nur überlebensgroß an die Wand gemalt, sondern Interessierte können sich auch auf dem Bildschirm darunter digital über sein Leben informieren. Der nächste Halt wurde gemacht vor dem Rathaus neben der lebensgroßen, sitzenden Figur von Marschall Luckner mit einem Buch in Händen. Verschiedene Luckner-Figuren mit prächtigen Uniformen, geschaffen von Thomas Ellerstorfer, sind über den gesamten Innenstadtbereich verteilt.
Anschließend im Rathaus informierte Timo Bullemer die Familienforscher darüber, dass früher im alten Teil des Rathauses, der aus dem 15. Jahrhundert stammt, die Stadtwaage für den Markt untergebracht war, sowie die Stadtpolizei, welche früher Stadtknechte oder Schröter genannt wurde.
Im kleinen Sitzungssaal wurde die niedere Gerichtsbarkeit ausgeübt – die Todesstrafe durfte nur der Pfleger aussprechen. Als Zeichen der Gerichtsbarkeit sind über der Tür des kleinen Sitzungssaales, der seit 1988 als Trauungszimmer fungiert, innen die Symbole der Justitia angebracht: Die Waage für das Finden des richtigen Strafmaßes, der Richterstab als Zeichen der Gerichtsbarkeit und der Autorität und das Schwert für die Härte der Strafe.
Stadtarchivar Bullemer zeigte den Familienforschern ein Briefprotokollbuch aus dem Stadtarchiv aus dem Jahre 1725 mit einer Eintragung über Nikolaus Luckners Eltern, welche eine Messstiftung machten und eintragen ließen. Auch ein Ratsprotokollbuch aus dem Jahre 1697 wurde gezeigt, in dem eine Beschwerde von Nikolaus von Luckners Großvater vermerkt
ist. Es enthält auch andere Beschwerden oder Beleidigungen. Zuletzt durfte auch noch ein Blick in das Goldene Buch der Stadt Cham (1928 – 2018) geworfen werden mit Einträgen von zwei Verwandten Luckners.
Nächste Station war die Pfarrkirche St. Jakob, in der sich die Epitaphien (Grabtafeln) von Nikolaus Luckners Vater (1730), seinem jüngeren Bruder Joseph Luckner und dessen Ehefrau befinden. Alle waren Kirchenverwalter, sowie ein Bruder Abt und eine Schwester Äbtissin. Joseph Luckner kam um 1745 wieder nach Cham zurück, kaufte das Wirtshaus zum Schwan mit dem „Tafernrecht“ (danach Wirtshaus Luckner mit Wirtshausschild mit Schwan drauf), wurde Gastwirt und Hopfenhändler und setzte die Chamer Luckner-Linie fort. Das „Gasthaus Luckner“ in der Schwanenstraße befand sich anschließend 200 Jahre im Familienbesitz.
Der nächste Stopp auf den Spuren Luckners war die Stelle, an der sein Geburtshaus stand, das mit einer Gedenktafel gekennzeichnet ist. Nikolaus Graf Luckner wurde dort am 12. Januar 1722 geboren und wuchs mit seinen Eltern Samuel und Franziska Luckner und 7 Geschwistern im Gasthaus des Vaters auf. Dieser war auch Bierbrauer, Hopfenhändler, Innerer Rat der Stadt Cham und Stadt-Kammerer (= früher Bürgermeister), ebenso wie Nikolaus Luckners Großvater. Nikolaus Luckner stammte also aus einem gehobenen, wohlhabenden Haus. Er soll ein Freigeist und „Wildfang“ gewesen sein.
Als er acht Jahre alt war, starb sein Vater 1730. Daraufhin zog seine Mutter mit den Kindern nach Kötzting zu ihrer Mutter. Nikolaus Luckner besuchte das Jesuitenkolleg Passau. Nach seinen eigenen Angaben startete er 1741 seine große militärische Karriere in bayerischen, niederländischen, hannoverschen und französischen Diensten. Der 7-jährige Krieg (1756-1763) machte ihn in Europa bekannt. Anschließend wechselte er die Seiten und trat in französische Dienste. Nach der Französischen Revolution wurde er Oberbefehlshaber und schließlich 1791 zum Marschall ernannt. Man setzte hohe Erwartungen in ihn, obwohl die Französische Armee schlecht ausgerüstet war.
1745 kam Luckner kurz nach Cham zurück, das noch nach dem Stadtbrand 1742 verwüstet war. Nikolaus Luckner war verheiratet und hatte 4 eheliche Kinder. Im Alter von 60 und 67 Jahren wurde er nochmals zweimal Vater (Die Kinder waren von seiner Haushälterin und hießen Renkul – spiegelverkehrt für Lukner) und hatte damit insgesamt 6 Kinder.
Weil Luckner sich durch seine mangelhaften französischen Sprachkenntnisse oft missverständlich ausdrückte und sich auch oft unbeholfen anstellte, wurde er Opfer von Intrigen und fälschlicherweise als Landesverräter zum Tode verurteilt und am 4. Januar 1794 in Paris durch das Schafott getötet. Allerdings wurde der Irrtum eingesehen und Nikolaus Luckner ein Jahr nach seinem Tod vom Nationalkonvent rehabilitiert. Er ist als verdienter Marschall im Pariser Triumphbogen „Arc de Triomphe“ eingetragen.
Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gab es erste Veröffentlichungen über Nikolaus Luckner vom Heimatforscher Joseph Rudolph Schuegraf. Auch die frühere „Bockstraße“ in der Nähe seines Geburtshauses wurde ihm zu Ehren in „Lucknerstraße“ umgenannt. Zum Abschluss der mehr als interessanten Führung auf den Spuren Luckners bedankte sich die Leiterin der GFO-Familienforscher im Landkreis Cham, Elfriede Dirschedl, bei Diplom-Archivar Timo Bullemer im Namen aller Teilnehmer herzlich mit einem Buchpräsent. Die Exkursion wurde mit einer spontanen, gemeinsamen Einkehr gemütlich abgeschlossen.